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Forex-Recherche · Franken-Schock

15. Januar 2015: Der Tag, an dem der Schweizer Franken den Forex-Markt erschütterte

Ein Satz der Zentralbank entfernte das Preisniveau, auf dem jahrelang Positionen, Risikomodelle und Bilanzen aufgebaut worden waren. Für einige Minuten funktionierte der Markt nicht mehr wie erwartet.

11 Min. LesezeitDaten und Rechtsstand geprüft am 21. September 2026Text aktualisiert am 28. September 2026
SNB-Untergrenze1.2000EUR/CHF
Referenz 14. Jan.1.2010ECB
Referenz 15. Jan.1.0280ECB
Bewegung des Referenzkurses−14.4%14 → 15·01
Reale EZB-Daten15. Januar 2015
01
Der Morgen, der Forex veränderte

Ein normaler Donnerstag, bis der Boden verschwand

Mehr als drei Jahre lang galt für EUR/CHF eine ungewöhnliche Zusage: Die Schweizerische Nationalbank wollte keinen Kurs unter 1,20 Franken je Euro dulden und kündigte unbegrenzte Devisenkäufe an. Händler konnten diese Grenze beobachten und Strategien darauf ausrichten. Die geldpolitische Stützung machte eine Position jedoch nicht risikolos; sie ließ die möglichen Verluste nur kleiner erscheinen, als sie bei einem Regimewechsel waren.

Am 15. Januar 2015 hob die SNB die Untergrenze ohne Übergangsfrist auf. Gleichzeitig senkte sie den Zinssatz für bestimmte Sichtguthaben auf −0,75 % und verschob das Zielband für den Dreimonats-Libor tiefer in den negativen Bereich. Dieselbe Institution, die eine unbegrenzte Verteidigung angekündigt hatte, hielt sie nun nicht mehr für gerechtfertigt.

Die Reaktion war keine einzelne Kerze zu einem überall handelbaren Kurs. Kaufgebote verschwanden, Spreads weiteten sich stark aus und verschiedene Handelsplätze meldeten verschiedene Tiefs. Markt- und Stop-Aufträge warteten auf eine ausführbare Gegenpartei. Als diese erst weit unter dem erwarteten Kurs auftauchte, konnten Positionen nach Aufzehrung der gesamten Kontoeinlage geschlossen werden.

Diese Rekonstruktion trennt drei Beweisarten: die Entscheidung der SNB, beobachtete Marktkurse und später gemeldete Unternehmensverluste. Die Diagramme verwenden tägliche EZB-Referenzkurse. Sie zeigen Ausmaß und Dauer der Neubewertung, aber nicht den tiefsten tatsächlich handelbaren Kurs für jedes Kundenkonto. Im dezentralen Devisenmarkt gab es während der Stressphase keinen universellen Preis.

Warum 1,20 galt

Warum 1,20 wie eine Mauer wirkte

Die Untergrenze entstand 2011, weil die SNB den Franken als massiv überbewertet und deflationär gefährlich ansah. Sie war Geldpolitik, keine private Ausführungsgarantie.

Mit schwächerem Euro und auseinanderlaufender Geldpolitik wurde die Verteidigung teurer. Nach dem Ende der Politik beschrieb vergangene Volatilität nicht mehr die nächste Minute.

Die Grenze von 1,20 war eine geldpolitische Maßnahme, keine Verkaufsoption für jeden Händler. Die SNB versprach weder durchgehende Liquidität zu diesem Kurs noch Vorwarnung oder Entschädigung bei einer Änderung.

Anfang 2015 war der Euro bereits schwächer, und die Erwartung weiterer Käufe durch die EZB nahm zu. Die Verteidigung von 1,20 konnte wachsende Eingriffe der SNB erfordern; Stabilität hatte einen Preis.

Die täglichen EZB-Kurse blieben jahrelang dicht über 1,20. Die geringe Schwankung war echt, beruhte aber auf einer widerrufbaren Maßnahme. Sie bewies nicht, dass das Risiko verschwunden war.

EUR/CHF · 2011–2015

1. Aug. 2011–27. Feb. 2015 · täglicher EZB-Referenzkurs

Quelle: EZB-Referenzkurse
Historische Reihe verschieben, zoomen und prüfenEZB · 14:15 MEZ
Die erste Stunde

Die erste Stunde

01

Das Versprechen

Die SNB setzt CHF 1,20 je Euro und kündigt unbegrenzte Käufe an.

02

Letzte Ruhe

Der EZB-Referenzkurs liegt bei 1,2010.

03

Die Meldung

Die SNB beendet die Untergrenze und senkt den Zins auf −0,75 %.

04

Geldkurse verschwinden

Stopps treffen auf einen unterbrochenen Markt; Spreads explodieren.

05

Neues Regime

Der EZB-Referenzkurs fällt auf 1,0280, minus 14,4 % an einem Tag.

06

Neues Kursregime

Der EZB-Referenzkurs fiel auf 1,0280 und damit um 14,4 % zum Vortag. Einzelne Handelsplätze meldeten niedrigere Intraday-Kurse; einen universellen Tiefstkurs gab es nicht.

Im Liquiditätsvakuum

Ein Stopp ist kein garantierter Preis

Ein normaler Stopp löst nur einen Auftrag aus; er erzeugt keinen Käufer. Im Liquiditätsvakuum lag der nächste handelbare Kurs womöglich Tausende Punkte entfernt und jeder Broker zeigte ein anderes Tief.

Bei 100:1 konnten 1.000 € eine Position von 100.000 € tragen. Eine Bewegung um CHF 0,15 bedeutete etwa CHF 15.000 Verlust vor Umrechnung und Kosten.

Der Devisenmarkt besitzt kein einziges Orderbuch. Broker erhielten Kurse von verschiedenen Anbietern und filterten sie unterschiedlich. Zwei Tagescharts können deshalb verschiedene Tiefststände zeigen, ohne dass einer zwangsläufig erfunden ist.

Bei 100.000 Euro EUR/CHF und 1.000 Euro Sicherheit bedeutet bereits ein Rappen Kursänderung ungefähr 1.000 Franken Wertänderung vor Kosten. Ein Sprung von 1,20 in Richtung 1,00 kann die Einlage um ein Vielfaches übersteigen.

Übersteigt die Schuld des Kunden das Guthaben, wird der Fehlbetrag zu einer Forderung des Brokers. Tausende solcher Forderungen zugleich sind keine verfügbaren Zahlungsmittel und schwächen dessen aufsichtsrechtliches Kapital.

EUR/CHF · Schockphase

1. Dez. 2014–27. Feb. 2015 · täglicher EZB-Referenzkurs

Quelle: EZB-Referenzkurse
Historische Reihe verschieben, zoomen und prüfenEZB · 14:15 MEZ
Wer die Verluste trug

Vom Kurs zur Bilanz

Die folgenden Zahlen sind keine Schätzung des Gesamtschadens. Vier öffentlich dokumentierte Fälle zeigen unterschiedliche Wege vom Kurssprung in Kundenkonten und Brokerbilanzen.

01Sonderverwaltung

Alpari UK

Hohe Kundenverluste überstiegen die Kontoguthaben und hinterließen Negativsalden, die der Broker nicht tragen konnte. Gespräche über eine Rettung scheiterten; Verwalter wurden bestellt.

02225 Mio. US-Dollar

FXCM

FXCM meldete rund 225 Millionen US-Dollar an negativen Kundensalden und unterschritt dadurch aufsichtsrechtliche Kapitalanforderungen. Eine Finanzierung über 300 Millionen Dollar durch Leucadia hielt das Unternehmen zunächst handlungsfähig.

03120 Mio. US-Dollar

Interactive Brokers

Nach Angaben des Unternehmens überstiegen die Verluste einiger Kunden ihre Sicherheiten; die Fehlbeträge summierten sich auf etwa 120 Millionen US-Dollar. Im Verhältnis zum eigenen Kapital war das erheblich, aber verkraftbar.

04Stopps weit entfernt

Privatkunden

Einige Positionen wurden erst zu deutlich entfernten handelbaren Kursen geschlossen, sodass der Verlust die Einlage überstieg. Wer die Restschuld letztlich trug, hing von Vertrag, Rechtsträger und zuständiger Rechtsordnung ab.

Was Überleben und Kollaps trennte

Auch ein Agenturmodell ließ Hedge-, Margin- und Ausfallrisiken beim Broker. Kapital, Konzentration und Finanzierung entschieden über das Überleben.

Kundengeldtrennung schützte ungenutztes Geld, nicht vor Handelsverlusten oder Insolvenz. Der Denkfehler war, politisch erzeugte Ruhe mit natürlicher Sicherheit zu verwechseln.

Geringe Sicherheitsleistung erlaubte große Positionen bei kleinen Einlagen. Ein Kurssprung konnte die Einlage übersteigen. Ein Modell, das auf die Jahre mit stabiler Kursuntergrenze trainiert war, hätte gerade das Risiko ihrer Aufhebung unterschätzt.

Nicht jeder Broker handelte gegen seine Kunden. Aber auch eine Weiterleitung an Liquiditätsanbieter beseitigt das Risiko nicht: Absicherungen können abgelehnt, verspätet oder zu neuen Kursen ausgeführt werden.

Getrennt verwahrtes Kundengeld schützt gegen ein anderes Problem. Es verhindert weder Marktverluste noch eine Insolvenz oder Wartezeiten bei einer Abwicklung.

Die frühere Ruhe verdeckte angesammeltes Risiko hinter einer staatlichen Kursbarriere. Eine ruhige Zeitreihe konnte hohe gehebelte Positionen sicherer erscheinen lassen, als sie waren.

Wie ein Konto negativ wurde

Wie 1.000 € zu Schulden wurden

Dieses vereinfachte Beispiel zeigt die Reihenfolge, nicht den Auszug eines bestimmten Kundenkontos. Finanzierung, Währungsumrechnung und Beitreibungskosten bleiben außen vor.

01

1. Position

Ein Kunde zahlt 1.000 € ein und kauft EUR/CHF im Nominalwert von 100.000 € nahe 1,2000. Bei einem Hebel von 100:1 wirkt die Sicherheitsleistung ausreichend, solange die Untergrenze hält.

02

2. Auslösung

Die SNB hebt die Untergrenze auf. Ein Stopp bei 1,1950 wird ausgelöst, sendet aber nur einen Auftrag in einen Markt ohne ausreichende Kaufgebote nahe diesem Niveau.

03

3. Kurslücke

Der nächste ausführbare Kurs kann erst bei 1,05 oder 1,00 liegen. Eine Bewegung um 0,15 Franken auf 100.000 € Nominalwert bedeutet ungefähr 15.000 CHF Marktverlust vor Umrechnung und Kosten.

04

4. Fehlbetrag

Die Einlage ist aufgebraucht. Der darüber hinausgehende Verlust wird zum negativen Kontosaldo und für den Broker zu einer unbesicherten Forderung gegen den Kunden.

05

5. Ansteckung

Treten solche Fehlbeträge gleichzeitig auf vielen Konten auf, muss der Broker seine Verpflichtungen gegenüber Liquiditätsgebern und die Kapitalanforderungen sofort erfüllen, während die Rückforderung von Kundenschulden erst später möglich ist.

Was sich änderte

Was sich änderte und was blieb

Der Schock beschleunigte strengere Hebel-, Margin- und Negativsaldo-Regeln. 2018 führte ESMA EU-weit entsprechende Schutzmaßnahmen für Retail-CFDs ein.

Negativsaldoschutz garantiert keinen Stoppkurs. Produkt, Rechtsträger, Land und Kundenstatus bleiben entscheidend.

Ein Schutz vor negativen Kontoständen kann den Gesamtverlust von Kleinanlegern bei CFDs unter bestimmten Regeln begrenzen. Er garantiert weder einen Stopp zum geplanten Preis noch dieselben Bedingungen für professionelle Kunden.

Europäische Maßnahmen von 2018 für private CFD-Kunden umfassten Hebelgrenzen, Schließungen bei zu geringer Margin und Schutz vor negativen Kontoständen. Sie ersetzten keine Verluste aus 2015 rückwirkend.

Die Glaubwürdigkeit der Zentralbank bedeutet keine unbegrenzte Dauer einer Maßnahme. Die Grenze prägte jahrelang die Kurse und endete, als die SNB Kosten und Nutzen neu beurteilte.

USD/CHF · marktübergreifende Neubewertung

1. Dez. 2014–27. Feb. 2015 · aus EZB-Referenzkursen abgeleitet

Quelle: EZB-Referenzkurse
Historische Reihe verschieben, zoomen und prüfenEZB · 14:15 MEZ
Acht Prüfungen

Acht Prüfungen bei gestützten Wechselkursen

  1. Kursbindung immer als widerrufbare Politik behandeln.
  2. Sprünge von 10–30 % modellieren.
  3. Stoppgarantie und Slippage-Regeln lesen.
  4. Negativsaldoschutz für den konkreten Rechtsträger prüfen.
  5. Margin mit dem Nominalwert vergleichen.
  6. Kapital, Aufsicht und Kundengeldregeln prüfen.
  7. Keine versteckte Makrowette mehrfach konzentrieren.
  8. Freies Kapital für Spreads und Verzögerungen halten.
Fazit und Quellen

Der Franken legte die verborgene Struktur offen

Der 15. Januar 2015 ist für den außergewöhnlichen Kursausschlag bekannt. Tiefer reichte die Offenlegung der Vertrags- und Finanzierungswege: Der Chart zeigte die Bewegung, Insolvenzen und Notkredite zeigten, wer Liquidität zugesagt, Hebel ermöglicht und die Lücke schließlich getragen hatte.

Die Untergrenze schuf echte Stabilität, begünstigte aber auch Positionsgrößen, die von ihrem Fortbestand ausgingen. Nach dem Politikwechsel verschwand Liquidität, bevor Risikomodelle einen geordneten Ausstieg abbilden konnten. Ein Stopp war kein garantierter Preis, eine Sicherheitsleistung keine Verlustobergrenze und die Bezeichnung eines Brokers keine Kapitalgarantie.

Die nützliche Frage lautet deshalb nicht, ob derselbe Schock im selben Währungspaar wiederkehrt. Sie lautet, wo heutige Ruhe von einer Zusage abhängt, die zurückgenommen werden kann. Das gilt für jede Risikoannahme rund um eine Kursbindung, eine Stützung oder eine ungewöhnlich enge historische Schwankungsbreite.

FAQ

Fragen, die der Tag noch beantwortet

Warum zeigen Charts verschiedene Tiefs?

Spot-Forex ist dezentral; Broker erhielten unterschiedliche Kurse.

Konnte ein Stopp versagen?

Der Auslöser konnte funktionieren, während die Ausführung weit entfernt lag. Nur ein garantierter Stopp verspricht einen Preis.

Kann ein Stopp auslösen und trotzdem das Konto nicht wie geplant schützen?

Ja. Der Auslöser kann funktionieren, während die folgende Market-Order erst weit entfernt eine Gegenpartei findet. Nur ein ausdrücklich garantierter Stopp verspricht unter festgelegten Bedingungen einen Kurs.

Sind alle europäischen Kunden gleich geschützt?

Der kontobezogene Schutz wurde 2018 für private CFD-Kunden eingeführt. Produkt, Vertragspartner, Rechtsraum und Kundeneinstufung sind zu prüfen; für professionelle Kunden können andere Regeln gelten.

Risikohinweis

Gehebelter Forex- und CFD-Handel kann bei Kurslücken und Liquiditätsausfällen schnell Kapital vernichten. Nur zu Bildungszwecken.

Quellen und Methodik

Quellen und Methodik

SNB-Entscheide dokumentieren die Politik, EZB-Daten die Kurse, öffentliche Berichte die Verluste und ESMA die späteren Schutzregeln.

EZB EXR.D.CHF.EUR.SP00.A · täglicher Referenzkurs um 14:15 Uhr MEZ · USD/CHF aus zeitgleichen CHF/EUR- und USD/EUR-Beobachtungen abgeleitet